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»Leben ist schön.« Teil 2

Morgens fuhren wir mit dem Taxi in die Innenstadt von Windhoek und machten dort einen Bummel. Dabei nahm ich erstmals die ziemlich »unfreie Atmosphäre« in der Stadt wahr, und ich fühlte mich irgendwie unwohl. Es gab sehr gut sortierte Läden mit afrikanischen Antiquitäten, Kunstgewerbe, Klamotten, Stoffen und vor allem Edelsteingeschäfte, die mein Herz höher schlagen ließen. Ich sah die wertvollsten Steine in einer ungeahnten Menge und Vielfalt, und einzelne Stücke, die mich sprachlos machten, z. B. ein Amethyst-Doppelender in prächtigster Farbe mit Luftblase, die halb mit Wasser gefüllt war. Es fehlt mir das Vorstellungsvermögen, wann und wo dieses Kleinod der Natur entstanden war. An all diesen Geschäften gab es Gittertüren, hinter denen uniformierte Schwarze mit Gewehr standen und die Tür aufschlossen, wenn man in das Geschäft eintreten wollte. Das machte mich unsicher, und es störte mich. Wir in Deutschland hatten gerade unsere Mauer überwunden, wir hatten keine inneren Grenzen mehr, und hier gab es die Grenzen, überall spürbar, auf der Straße, wo man auch ging und stand.

Skurriles und Peinliches

In der Bank bemerkte ein weißer Namibianer deutscher Herkunft, dass wir deutsche Touristen waren und wollte uns wohl eine kleine Schulung im Umgang mit Schwarzen geben. Er beschimpfte den schwarzen Kassierer in deutscher Sprache als »Kanake« und »dämlich«. Ich wurde immer kleiner vor lauter Scham. In einem Laden, wir sahen uns gerade Speerspitzen und alte Holzmasken an, machte die weiße Verkäuferin das Radio an. Es tönte deutsche Volksmusik durch diesen Laden, in dem es afrikanische Ethno-Antiquitäten gab, und zwischendurch kam auf Deutsch die Durchsage, dass von einer Farm einige Hühner ausgerissen seien, und wer sie sähe, solle sie einfangen und zu der Farm zurückbringen. Unglaublich! Nach einer kurzen Weile gab es erneut eine Ansage, dass ein Huhn wieder eingefangen worden sei, und man hoffe, die fehlenden auch noch zu finden. Nachdem wir uns ein Springbock-Filetsteak geleistet hatten, übrigens war das ein ganz besonderer Genuss, fuhren wir wieder in das Township, wo ich mich nach den Erlebnissen in der City wesentlich wohler fühlte.

Am Abend fand die Reiki-Informationsveranstal-tung statt, in einem Ausbildungszentrum. Es kamen ungefähr 30 Menschen, die alle sehr neugierig, aber auch sehr kritisch und ungläubig waren. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass wir da etwas anbieten würden, wovon keiner genau wusste, was es eigentlich sei. Es war ein schöner Abend. Unsere Sprache wurde ins Burische übersetzt, und wir verstanden uns alle, es gab keine Schranken. Wir gingen miteinander in echter Herzlichkeit um und versuchten zu erklären, was Reiki ist. Das war nicht einfach. Die Inländer hatten ihre eigenen Götter, mit denen sie verwurzelt sind, dann war da noch der weiße Gott, Gottvater, dessen Vertreter von der Kanzel der kleinen Holzkirche herunterwetterte, dass wir es von weitem hören und nicht glauben konnten, wie da »heiländisch« mit umgegangen wurde, und nun wir mit Reiki. Wir taten unser Bestes.

Die Nacht war trotz des Vollmondes so dunkel, der Vollmond so nah, ach, hätte ich doch nur eine Leiter gehabt!

Ein heftiges Seminar

Am folgenden Tag trafen wir uns wieder alle im Ausbildungszentrum. Insgesamt 24 Leute hatten sich für das 1. Grad-Seminar angemeldet. Wir fingen mit dem Seminar an, Ruth fiel aus, Migräne, ihre Rettung, sie fühlte sich nicht stark genug. Also: Wir begannen mit den Handpositionen. Jeder musste sie einmal im Schnelldurchlauf vormachen. Dann begann die Gruppe mit den Partnerbehandlungen, und Barbara und ich holten uns je zwei Teilnehmer zur Einstimmung. Die machten wir außerhalb des Saales, in einer Art Galerie, die um den Saal herum gebaut war und die durch einzelne Glühbirnen an der Decke erleuchtet war. Durch hohe Fenster konnte man in die Nacht hinaus schauen. Als wir die Leute bei den Einweihungen berührten und die Energie zu fließen begann, wurde es für Barbara und mich kompliziert.

Die Leute reagierten auf die Einstimmungen so heftig, dass mir Angst und bange wurde. Sie zitterten und stöhnten, manche stießen einen Schrei aus, sie erlebten Licht, Farben und Blitze im »dritten Auge«, und nach der Zeremonie mussten wir sie beruhigen und wieder in den Saal zurück bringen, wo nach und nach ein heftiges Durcheinander entstand. Wenn sie auch die Aufgabe hatten, eine Partnerbehandlung durchzuführen, so mussten sie doch erstmal ihre Erlebnisse weitergeben. Zwischendurch, bei den Einstimmungen in der Galerie, knallten nach und nach alle Glühbirnen durch, und wir mussten uns Kerzen organisieren, um weitermachen zu können. Die Energie wurde von den Teilnehmern geradezu aufgesogen ich glaube, die Leute dort haben einfach weniger Blockaden und können die Energie besser für sich nutzen, als wir mit unseren geistigen Schranken -, und die Überladung der Galerie durch all die Energie ließ offenbar sämtliche Glühbirnen durchknallen.

Am allerschlimmsten traf es Joshua. Er war Ende 30 und hatte das allerstärkste Erlebnis. Als er nach der Anfangszeremonie unter mir saß und ich mit der Einstimmung begann, wurde Joshua schon sehr unruhig. Als dann die ersten beiden Einstimmungen vorgenommen waren, ging ein heftiges Geschrei los, was mich dann doch sehr beunruhigte. Ich merkte irgendwie in mir, dass ich dieser Situation nicht mehr gewachsen war. Ich dachte ganz kurz an die wunderschönen Seminare bei mir zu Hause in Berlin. Die Menschen waren nach den Einstimmungen beseelt, etwas benommen, mild lächelnd und sehr zufrieden. Hier war plötzlich alles durchgedreht und hektisch und laut, und ich hatte das Geschehen nicht mehr unter Kontrolle. Barbara blieb ruhig, das war gut für mich. Ich merkte jedoch, dass auch sie ganz schön erhitzt war. Das Schlimmste war dabei, dass ich kein Burisch verstand und gar nicht wusste, was Joshua schrie, bis mir endlich jemand sagte, wir sollten Joshua die Taschenlampe aus dem Kopf herausholen, er sei total geblendet. Es war nicht leicht, ihn zu beruhigen, aber zum Glück war ja Ruth samt Migräne im Saal und konnte uns helfen, die Geschockten zu besänftigen.

Seminargruppe in Windhoek

Alles durcheinander

Nach dem Zwischenfall mit Joshua waren die folgenden Menschen natürlich sehr skeptisch, und wenn sie nicht vorher bezahlt hätten, ich hätte wetten können, sie wären alle abgehauen. Also, Joshua war noch völlig außer sich und schrie immer noch, Ruth an seiner Seite, und Barbara und ich machten weiter mit den Einstimmungen. Hinterher gingen wir wieder in den Saal, und ich freute mich darauf, mich in eine Ecke verdrücken zu können und mich zu entspannen. Aber das Schicksal oder der große Lehrmeister (oder wer sonst auch immer) hatte für mich etwas anderes vorgesehen. Eine alte schwarze Frau war angekommen, sie kam von sehr weit her, ihre Neugierde hatte sie zu uns geführt. Sie hatte von etwas Neuem von Weißen gehört, was es für sie geben sollte. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete, sie wollte es kennenlernen und hatte sich auf den Weg gemacht.

Nach der ganzen Aufregung mit Joshua hatte Ruth sich wieder in ihre Migräne verzogen, da blieb also nur ich übrig, und so musste ich der alten Frau nun auch noch Reiki geben. Ich, der »große Meister«, ich, der heute schon so gebeutelt war, die Abwehr ließ meine Wirbelsäule erstarren, sie wurde schon ganz stocksteif. Ich war sauer auf Barbara, nein, ich wollte nicht, ich war geschafft. Ich hätte jetzt auf einen Thron gemusst, und alle hätten mir zu Füßen liegen sollen und mich anhimmeln. Ich war wütend, Reiki-Le-bensregeln gab es da nicht mehr für mich. Dennoch begann ich damit, der alten Frau Reiki zu geben, und nach jeder Position tat mir mein Kreuz mehr weh. In meinen Seminaren verteilte ich Blätter, auf denen stand: »Wogegen du dich wehrst, das wird stärker!« Das hatte ich zwar alles auf DIN A4-Blättern, aber nicht im Bewusstsein. Der alten Frau war anzumerken, dass ihr die Behandlung gefiel, mehr noch, es war ihr ein regelrechtes Vergnügen, denn sie kicherte und grinste. Sie dachte wohl, der Weiße spinnt. Und ich wurde immer wütender, angesichts ihres »unwürdigen Verhaltens« gegenüber Reiki. Je mehr sie kicherte, desto mehr tat mir das Kreuz weh. Aber die Frau war begeistert, und als die Behandlung vorbei war, bedankte ich mich bei ihr mit einer entsprechenden Geste, was sie total aus dem Häuschen brachte: Sie lachte, grunzte und kicherte, drehte sich noch einmal um, betrachtete das Geschehen im Saal, lief dann hinaus und wanderte wohl wieder in ihr Dorf zurück. Als ich mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen ließ, wurde mir klar, dass dies für die Frau wohl ein ganz besonderes Erlebnis gewesen sein muss: Da ist ein weißer Mann, der tut etwas umsonst für sie, eine alte schwarze Frau, was sie genießen kann und was ihr auch noch gut tut, und er ist mit viel Hingabe dabei. Danach bedankt er sich auch noch bei ihr. Das war wohl eine verdrehte Welt für sie, ein freundlicher Weißer ganz ohne Dünkel.

Glückseligkeit

Zum Abschluss des Seminars war schließlich auch Joshua glückselig: Die Taschenlampe war aus seinem Kopf verschwunden, er konnte nun auch die Kraft des Reiki genießen und Vertrauen gewinnen, und während der Partnerbehandlung fühlte er sich immer wohler. Obwohl es ja nun schon Nacht war und die Teilnehmer alle einen langen Arbeitstag hinter sich hatten und dann auch noch das anstrengende Seminar, waren alle sehr munter und frisch. Wir machten noch ein Gruppenfoto und beendeten das Seminar, wir waren sehr glücklich, Barbara strahlte, Ruth`s Migräne wurde für sie immer erträglicher, unsere Schwangere aus Deutschland war mit ihrer Einstimmung in Reiki beschäftigt und verarbeitete ihre Eindrücke, und ich hatte die alte Frau überstanden und begann, total glücklich zu werden.

Noch runder ging der Mond nicht, und wieder war er zum Greifen nah, und ich gab mich ihm hin.

Reise nach Swakopmund

Einen Tag Ruhe haben wir uns gegönnt und gingen shoppen. Meine Kasse war leer wegen des Flugtickets, das Geld reichte gerade für ein paar Kleinigkeiten und für einen Dioptas-Kristall, ein wunderbarer blau-grüner Edelstein, ich musste ihn haben. Wir planten für den nächsten Tag eine Reise nach Swakopmund. Mit der Bahn dauerte es 24 Stunden, mit dem Auto nur drei. Also organisierte Erika für uns drei -Ruth, die Schwangere und mich - eine Mitfahrgelegenheit auf einem Zeitungstransporter. Es war ein kleiner Lastwagen, hinten offen, da lagen die gebündelten Zeitungspacken, und wir setzten uns drauf, und los ging die Fahrt! Bequem war das nicht. Ruth hatte ihre Migräne gänzlich abgelegt, die Schwangere freute sich, dass ihr Ungeborenes so viel erlebt, und ich war einfach nur glücklich. Alle 50 Kilometer meinte Ruth, wenn sie all dies Land besitzen würde, dann würde sie alles bewässern und dann Wein anbauen. Daraufhin sagten wir jedes Mal zu ihr, dass sich darüber sicherlich schon andere den Kopf zerbrochen hätten. Wir bestaunten die Termiten-Bauten entlang der Strecke, und wenn der Fahrer an einer Tankstelle oder einer Hütte oder in einem Ort seine Zeitungen ablieferte, war das prima, weil wir dadurch immer mehr Platz bekamen, hinten auf dem Wagen. Und wir konnten jedes Mal herabsteigen und uns die Beine vertreten, denn mit der Zeit tat uns jeder Knochen einzeln weh.

Die Schwarzen wunderten sich über uns, wie primitiv wir reisten, und sie waren deshalb auch ein wenig misstrauisch. In Swakopmund nahmen wir uns das beste Hotel direkt am Atlantik, wir nahmen ein Doppelzimmer mit Matratze, die beiden Damen im Doppelbett und ich auf der Matratze. Wir verloren keine Zeit und organisierten eine Wüsten-Tour mit einem deutschen Führer und stürzten uns ins touristische Vergnügen. Swakopmund sah aus wie ein breit getretenes, bayerisches Dorf: Häuser im süddeutschen Stil säumten breite sandige Straßen, alles wirkte spießig und langweilig, und als wir mit den Deutschstämmigen etwas länger sprachen, merkten wir, dass sie noch vom Geist der Kolonialzeit geprägt waren. Für sie schienen die Schwarzen das Bild zu stören.

Unsere Wüsten-Tour war überwältigend. Die Tafelberge waren durchzogen von breiten Canyons. Das Gestein befindet sich im Erosionszustand, und aus der Ferne sehen die Berge aus wie riesige Tische mit herabfallenden Tischtüchern, mit reichem Faltenwurf. Wir hatten das Glück, wechselndes Licht erleben zu dürfen: Mal sahen die Berge im Gegenlicht aus wie riesige Amethyst-Klötze, und dann wieder grau bis blau, mit dem Licht. Dazu die saubere Luft, und wenn dann der Jeep stillstand, überwältigte uns die Stille. Das alles zusammen tat beinahe weh, ich fühlte mich mit Gott verbunden. Ich kannte das Gefühl, welches da gerade aufgeweckt wurde, von irgendwoher. Ich fühlte ein wundersames, warmes Gefühl im Körper, und es war so, als wollte ich losfliegen, und ich hätte es können.

In der Wüste

Unser Fremdenführer war ein eingewanderter ehemaliger deutscher Polizist, der sich in Namibia ein schönes Leben eingerichtet hatte. Er lebte von den Touristen und machte seine Sache gut. Wir erhielten alle Informationen und Erklärungen, die wir brauchten, bei ihm waren wir gut aufgehoben. Er brachte uns zu den Orten in der Wüste, wo es die bizarrsten und abstraktesten Pflanzen gab, fuhr über platte Ebenen, die wie Wasserlandschaften aussahen, und wir machten eine längere Pause auf einem Rosenquarzhügel. Unbeschreiblich, dieser Anblick, in gleißender Sonne ein Riesen-Rosenquarz. Durch die Temperaturunterschiede -nachts kühl und vom Meer aus feucht, tagsüber die pralle Sonne und glühende Hitze - lagen rund um den Hügel abgesplitterte Rosenquarzstücke. Wir konnten nicht anders, als uns die allerbesten Stücke auszusuchen und mitzunehmen. In dieser ganzen Kargheit gab es so viel Schönes zu sehen: klitzekleine Pflanzen mit besonders anmutigen Blüten, Chamäleons, bei denen wir den Farbwechsel beobachten konnten, und ich hatte ein ganz besonderes Erlebnis mit einem Schmetterling, der setzte sich auf den Hals meiner Wasserflasche, rollte einen ellenlangen, hauchdünnen Rüssel aus und holte sich vom Boden der Flasche sein Labsal. Ich war total verblüfft.

»Café Königsberg«

Bei all dieser Faszination konnten wir aber auch nicht ignorieren, dass uns mittlerweile alle Knochen weh taten. Wir saßen den ganzen Tag über auf einem offenen Jeep, es gab keine Straßen, sondern nur Fährten, es rüttelte und schüttelte uns, und ich dachte immer wieder an das arme Ungeborene, wir drei, das war schon lustig. Zum Abschluss rutschten wir alle dann noch von der Welt höchsten Düne, die südlich von Swakopmund lag, auf einem Pappkarton hinab in die Tiefe, ein erholsamer, glatter, erschütterungsloser Rutsch. Nach unserer Tour gingen wir ins »Café Königsberg« und aßen deutsche Torte. Die Wandmalerei zeigte die Marienburg in stolzer Größe, es hätte auch ein Ostpreußentag hier stattfinden können, ich hätte alles für möglich gehalten. Wir gingen dann noch am Strand spazieren, und dann machten wir uns für den Abend frisch und wollten auch mal eben unsere Knochen sortieren.

Zum Abendessen konnten wir wählen zwischen deutscher Küche mit besonders angepriesenem »Eisbein mit Sauerkraut« oder Fisch. Klar, wir nahmen eine große Fischplatte mit Hummer und fielen danach, im Hotel, halbtot in den Schlaf. Wir waren zwei Tage in Swakopmund, der Zeitungswagen holte uns wieder ab, und es ging wieder zurück nach Windhoek. Barbara hatte in der Zwischenzeit, fast heimlich, einigen Erste-Grad-Teilnehmern gleich noch den zweiten Grad gegeben. Wir bekamen es erzählt, und wir waren etwas entsetzt. Das musste hart für die Leute gewesen sein. Aber wenn man die Entfernung bedachte und die Kosten für die Reise, dann blieb vielleicht keine andere Wahl, und die Leute mussten durch die harte Schule.

Das war Afrika! Wir flogen wieder zurück, über Paris, wo sich unsere Wege trennten. Ich werde die Reiki-Einweihungen von Windhoek nie vergessen.

Ende Teil 2 - Fortsetzung folgt.