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»Leben ist schön.« Teil 1

Leben ist schön, mal so, mal so. Leben überblickt man, Leben fängt an, und Leben hört auf, basta! Wenn ein Archäologe bei Ausgrabungen eine Form im Erdreich entdeckt, dann pinselt er sie frei, und es kann sein, dass er einen uralten Gegenstand gefunden hat, und der hat so seine Geschichte. Wenn ich von meinen eigenen Gefühlen Schicht für Schicht entferne, komme ich an das allererste erlebte Gefühl, das ich vor -zig Leben hatte, es eröffnet sich mir im dritten Auge, ich bin mittendrin.

Und es gab nie wieder eine so grüne Wiese wie die, auf der ich mit meinem Weibe und den beiden Kindern im Kreise tanzte, sattgrün. Und wäre ich bloß bei ihnen geblieben, wir wären glücklich gewesen. Aber wir Männer wollten das Heilige Land verteidigen und als reiche Herren mit Ruhm und Ehre heimkehren. Ich dachte an das Grün, als mir der gelbe Wüstenstaub die Nase verklebte. Ich dachte an mein Weib, als ich mich auf den Turm der Wüstenfestung flüchtete, an meine Kinder, als ich nicht mehr wusste, ob ich noch eine Wahl hatte zwischen zwei Möglichkeiten. Wir waren durch die Wüste gezogen und gefangen genommen worden, in langen Reihen quälten wir uns durch den Sandsturm, viele von uns fielen einfach zur Seite und blieben liegen, kein Schmerz mehr, kein Gefühl mehr fühlen, und dann erst sterben. Die, die noch weiter konnten, quälten sich weiter. Wir wurden befreit und kamen in die Festung. Die ganze elende trockene staubige heiß-kalte Zeit dachte ich an das satte Grün in Europa, an den Tau an Halmen, Büschen und Spinnweben, an den Geruch der feuchten Erde, der in der Vormittagszeit verflog und abends wieder aufstieg. Die Erde wie satte Brüste und wolllüstige Schenkel mit der warmen Feuchte. Es war trocken und heiß, die Sonne brannte, ich sah tausend Sonnen, schweißsatte Luft brannte die Lunge aus, und ich hatte keine Wahl. Unten im Hof der Festung tobten die Krieger des Sultans, Schweiß- und Blutgeruch vermischten sich, und ich sprang vom Turm.

Die Auflösung

Ich fiel und fiel, immer schneller und immer noch, ich muss jetzt wach werden, ich muss aufhören, ich darf nicht mehr tiefer fallen, jetzt aufhören, nicht noch weiter, Gott sei Dank. Diese Fallträume sind das Furchtbarste, das ich nachts erlebte, seit meiner frühesten Kindheit. Kurz bevor -kurz bevor was? konnte ich immer aufhören. Solange ich falle und falle und falle, lebe ich. Das ist die Auflösung!

Die Angst war vorbei, die Angst vor dem Untenankommen, dem Schmerz und dem Sterben. Ich wusste plötzlich, zu welcher Situation die Angst gehörte und in welches Leben. So konnte ich mich frei machen davon, mein Leben wurde von einer Hemmung befreit. Das war der Lohn einer schweren Arbeit. Während der Therapiesitzung machte ich alle Qualen, Schmerzen und Ängste noch einmal durch, es war die Hölle.

Neues Leben

Mein neues Leben begann mit der Ausbildung zum emotionalen Begleiter für Menschen mit HIV und AIDS in der Berliner AIDS-Hilfe. Es war ein Training über zwei Wochenenden, angeleitet von Psychologen und Sozialarbeitern. Es ging um Selbsterfahrung und um den Umgang mit unheilbar Kranken, wobei die Selbsterfahrung die größte Rolle spielte. Ich kam zum allerersten Mal dicht an mich heran und begann ganz langsam, mich zu begreifen. Ich fing an, mich zu spüren, und eine tiefe Trauer erfasste mich. Ich kann sagen, ich wurde eine tiefe Trauer. Zum ersten Mal ging etwas in mir auf und ließ meine Tränen laufen, ein Meer aus Tränen, in dem ich versank. Ich war 47 Jahre alt und fing an zu leben. Es war ein neues Schmecken, Riechen und Berühren, die Sinne waren plötzlich wach. Erleben mit einer nie gekannten Fröhlichkeit, Besinnlichkeit und verinnerlichten Trauer. Wir in der AIDS-Hilfe mussten uns sehr oft von lieben Menschen verabschieden, damals wurde oft gestorben. Es gab kaum wirksame Medikamente, es tat immer weh und manchmal eben ganz besonders. Der Schmerz brannte sich ein in mein Weichstes und Empfindlichstes, unauslöschbar begleitet vom lautlosen Schrei der Verzweiflung.

Irgendwann bot mir Kurt, ein Betroffener und Aktivist in der AIDS-Hilfe, Reiki an. Ich war nervös und aufgeregt, und Kurt wollte mich beruhigen. Na ja, ich wusste nicht, was das ist und ließ mich überraschen. Kurt legte seine Hände auf mich, und mein Körper wurde von warmen Strömen durchzogen, das war ein ganz neues und sehr wohliges Gefühl. Nach zehn Minuten fühlte ich mich wie neu geboren. Das war mein Ding, das ließ mir keine Ruhe mehr, ich musste das auch können. Meine Begeisterung war so groß, dass ich mich gleich zu beiden Kursen, 1. und 2. Grad, anmeldete. Und danach auch gleich die Meisterausbildung machte, damit ich mit dem Instrument Reiki so schnell wie nur möglich mit den Menschen mit HIV arbeiten konnte. Was danach kam, war sehr schwierig.

Innere Prozesse

Nach jedem Ausbildungsgrad sollte man sich eigentlich ausreichend Zeit für die entsprechende Entwicklung lassen. Nach den Einstimmungen beginnen innere Prozesse der Entwicklung, die ihre Zeit brauchen, um begriffen zu werden. Bei mir war das natürlich anders: Alles in mir kam in ein chaotisches Durcheinander! Ich räumte mit mir und anderen auf, dass es nur so krachte. Falsche Freunde wurden gefeuert, neue Entschlüsse wurden radikal umgesetzt, und ich wurde ein fast fanatischer Streiter für Reiki, was viele mir liebe Leute, die damit nichts anzufangen wussten, dazu veranlasste, sich von mir zu trennen. Für sie war ich plötzlich der Spinner. Diese Situation war wirklich neu für mich. Zuvor war ich immer bemüht gewesen, es jedem recht zu machen. Nun war ich der Außenseiter, sagte öfter »Nein« statt »Ja«, und überlegte jedes Mal bedächtig, ob ich etwas wollte oder lieber nicht, denn irgendwie gefiel mir das jetzt besser so. Immer mehr Menschen aus meinem Umkreis wandten sich von mir ab, und langsam kamen neue Menschen auf mich zu, solche, die mich früher nie beachtet hatten. Ich wurde mir der Veränderungen bewusst, die in mir vorgingen.

Meine ersten Reiki-Seminare bei der Aids-Hilfe waren aufregend: Zum allerersten Mal trug ich die Verantwortung für Menschen, die sich mir anvertraut hatten. Die Reiki-Einweihungsrituale müssen exakt eingehalten werden, und mir fehlte noch die Routine. Nur nichts vergessen, dazu tun oder falsch machen, dachte ich bei mir. Ich schwitzte, als würde ich vor Stahlkochern sitzen. Zum einen die Unsicherheit, zum anderen der Energieschub der Einweihung. Aber alles ging gut, und ich werde die ersten Seminare nie vergessen.

Gejammer und Gelächter

Einmal habe ich mit meinen Klienten eine »Stöhnmeditation« machen wollen, die ich von Jule Erina van Calker, einer Berliner Reiki-Größe, kannte. Dabei singt man gemeinsam »Aaah«. Also, wenn genügend Leute mitmachen, dann ist diese Meditation wirklich wunderschön. Jeder stöhnt für sich allein und aus tiefster Seele. Man wird eine Menge Elend dadurch los, und wenn man dann in die große Gruppe hört, gibt es eine ganz tolle Melodie. Darüber hält sich ein wunderschöner Ton, der wohl aufpasst, dass kein Elendsgeräusch sich selbständig macht. Ich erklärte also meinen Leuten, was sie zu tun haben und gab das Startzeichen. Alles stöhnte, alle stöhnten aber auch so furchtbar und jämmerlich, dass es mir die Seele aus dem Körper ziehen wollte. So ein Seufzen und Jammern habe ich noch nicht gehört. Und als wir das alle bemerkten, wie erbärmlich das war, was da aus unserem Halse kam, mussten wir lachen. Der Wechsel war plötzlich, und das Gejammere wurde in Sekundenschnelle zum schallenden Gelächter. Dies hielt furchtbar lange an und kam nach kurzen Pausen immer wieder von neuem zum Ausbruch, es ließ lange nicht nach. Eine tolle »Stöhnmeditation«.

Während meiner Aids-Hilfe-Zeit war ich als Rei-ki-Meister sehr aktiv. Ich stimmte sehr viele Betroffene und aber auch Betreuer in die Reiki-Ener-gie ein. Und die Menschen fühlten sich wohl damit, weil sie das ganz besondere, wohlige Gefühl lieben lernten, das sie durch Reiki verspürten. Durch das gegenseitige Geben und Nehmen von Reiki löste sich bei den Betroffenen Verhärtung und Isolation auf. Der Kranke wurde berührt und fühlte sich wohl dabei, ja, er lernte das glückselige Gefühl der Liebe kennen. Das ist es an Reiki, was mich so dankbar macht, es kennen gelernt zu haben: Während einer Reiki-Sit-zung kommt man mit sich selbst überein und spürt die ganze vollkommene Liebe und ist eins mit der Welt.

Ich nahm Kontakt zur Aids-Hilfe Düsseldorf auf und organisierte dort mehrere Reiki-Seminare. Es ist nicht ganz so einfach, Zugang zu schulmedizinisch orientierten Organisationen zu bekommen. Ich wurde oft missverstanden. Mir ging es immer darum, dass die Menschen durch Reiki mit sich selbst besser zurechtkamen. Ich versprach niemals Heilung, sondern baute auf die seelische Wirkung von Reiki. Die Menschen lernen sich durch den Prozess nach der Einweihung auf besonders intime Weise selbst kennen. Sie lernen, durch sich selbst Liebe zu erfahren, Verhärtungen aufzulösen, Fehler zu erkennen und zu akzeptieren und ganz behutsam mit sich selbst umzugehen. Ich hatte Glück und traf auf einen Mitarbeiter der Aids-Hilfe Düsseldorf, der aufgeschlossen war und mir mit Inseraten ect. dort half. Ich traf auf sehr interessante Menschen. Es waren Betroffene und auch Angehörige, die an meinen Seminaren teilnahmen.

Extremes Seminar

In dem ersten Düsseldorfer Seminar waren ein Straßenbauingenieur mit riesigen Händen, eine Kenianerin, eine Drogennutzerin, ein Ehepaar, davon er bisexuell, ein schwuler Mann aus der Umgebung und zwei Düsseldorfer. Außer der Ehefrau waren alle Teilnehmer HIV-positiv oder bereits erkrankt. Die Einstimmungen fanden in einem Extra-Raum statt. Ich hole mir immer zwei Teilnehmer aus der Gruppe und nehme dann die Einweihungen bei beiden hintereinander vor, ein wunderbares Ritual für mich. Es kam dazu, dass ich die Kenianerin und die Ehefrau zusammen einweihte. Die Schwarze empfand die Energieübertragung und Einweihung als einen gigantischen weißen Blitz und war total ergriffen. Obwohl die Teilnehmer bei diesem Ritual die Augen geschlossen halten, kann ich als Einweihender das Empfinden des Gegenüber spüren. Als die Ehefrau des bisexuellen Mannes von mir in die Energie des Reiki eingestimmt wurde und ich sie berührte, verlor sie jede Haltung. Sie verlor ihre Besinnung und sackte in sich zusammen. Ich hielt sie beim Fallen und ließ sie auf den Fußboden gleiten. Sie kam dann wieder zu sich und fing an sich zu erbrechen, und es wollte nicht aufhören. Dies war ihr Jetzt-Zustand. Sie hatte einfach keine Kraft mehr und fand ihr Leben zum Kotzen. Ihr Leben, das Paar hatte eine Touristik-Firma, einen Sohn, ein noch nicht bezahltes Haus, der bisexuelle Mann Aids-krank und auf der Suche nach einem Lebenspartner, um sich zu verwirklichen und die Angst, Nachbarn, Freunde und Geschäftspartner könnten den Lebenswandel und die Krankheit des Mannes entdecken -das alles war einfach zu viel, und in diesem Moment kam all das aus der total überlasteten Frau herausgesprengt: »Ich kann nicht mehr, ich finde mein Leben zum Kotzen!«

Wie neu geboren

Es war etwas geschehen, womit ich nie gerechnet hatte. Meine Ruhe wurde nun immer besinnlicher. Ich kümmerte mich, tat alles, damit es der armen Frau wieder besser ging und setzte meine Arbeit fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Nun erlebte die Frau eine Art Wiedergeburt. Wir alle kümmerten uns um sie wie um ein Neugeborenes. Und es war tatsächlich so, als würde sie sich ganz neu entwickeln. Sie sagte uns, dass sie sich vorkam wie ein »Baby in einem Wohlfühlbad«. Sie hatte Reiki im richtigen Augenblick ihres Lebens kennengelernt. Das Erlebnis der Schwarzen aus Kenia war ja dagegen ganz anders gewesen, was für mich ein Vorgeschmack war auf meine Erlebnisse bei den Einweihungen der Schwarzen in Namibia.

Reise nach Windhoek

windhoek

Eines Tages rief mich meine Meisterin Barbara an und fragte, ob ich mit nach Namibia kommen wolle. Sie habe durch eine ihrer Schülerinnen eine Gruppe Afrikaner vermittelt bekommen, die in Reiki eingestimmt werden wollten. Es gab nichts zu verdienen, wir mussten die Tickets selber bezahlen und würden bei den Schwarzen wohnen. Die Einnahmen wollten wir einer politischen Organisation der Schwarzen spenden. Ich war sofort begeistert und sagte zu. Ruth aus Riesa, eine Reiki-Meisterin, mit der zusammen ich meine Ausbildung in der Schweiz gemacht hatte, war auch dabei. Und eine junge, deutsche, schwangere Frau, die unbedingt -egal wo - von Barbara in Reiki eingestimmt werden wollte, kam auch mit. Wir trafen uns auf dem Flughafen in Paris und starteten nach Windhoek.

Windhoek liegt in einem Tal-Kessel. Vom Flugzeug aus gesehen hatte ich den Eindruck, in ein Paradies zu kommen. Ich wusste, dass in Namibia frei gewählt wurde und Schwarz und Weiß gleichberechtigt waren. Der Präsident war ein Schwarzer, und ich fand das alles wunderbar. Dort musste ich mich einfach wohl fühlen. Wir wurden abgeholt und fuhren zu unseren Klienten, mit denen wir arbeiten und wohnen sollten. Dies war alles sehr aufregend. Alle hatten ein Achtel Liter deutsches Blut in den Adern fließen. Die meisten Frauen hatten deutsche Namen und hießen Renate, Barbara oder Helga, weil die Urgroßväter ihren Spaß am Kolonial-Leben voller Privilegien ausgelebt hatten. Aber man war stolz darauf.

Die Gastgeber, bei denen die drei Frauen wohnten, hatten ein wunderschönes Haus in der Vorstadt, in der nur Schwarze wohnten. Das Haus, ein Bungalow, unterschied sich von den anderen durch Größe und Pflege. Der Mann war selbstständig und die Frau unterrichtete in einer Ausbildungsstätte, die von einer Minen-Gesellschaft gesponsort wurde. Es ging ihnen wirtschaftlich sehr gut. Um den Bungalow herum standen prächtige Malvenbüsche mit riesigen wunderschönen roten Blüten. Um die Büsche herum gab es ein hohes Gitter mit schwerem Tor, vor der Garage gab es zwei Tore hintereinander. Der Hund war freundlich. Am Haus waren alle Fenster vergittert. Die Haustür hatte ein schweres Schloss und ein Extra-Gitter. Es gab ein Bad mit Wanne und eine herrliche Küche mit viel Platz zum gemeinsamen Essen. Die Wohn- und Schlafräume waren sehr gemütlich gestaltet.

Eigentümlichkeiten

Ich schlief bei einer alten Tante der Familie und musste abends immer durch den Vorort, an der einzigen Bar vorbei, auf einen Hügel laufen. Es war im Town-ship bekannt, dass sich vier Weiße hier aufhielten und etwas sehr Neues mitbrachten und mit den Einheimischen arbeiten wollten. Wir waren die einzigen Weißen dort. Erika, die das Seminar von Windhoek aus organisierte, hatte sich zuvor bei den Reiki-Meistern in Windhoek um eine Einweihung in Reiki bemüht, jedoch nur Absagen erhalten: Schwarze würden nicht eingeweiht. Deshalb also waren wir hier. Als ich davon hörte, war ich sehr empört. Ich war vielen Reiki-MeisterInnen gegenüber misstrauisch. Einige kamen mir sehr ungeerdet vor und auch unabsichtlich verantwortungslos. Viele reflektieren ihre Arbeit nicht. Ich denke, wer mit Menschen arbeitet und mit Reiki sogar in Körper und Geist eingreift, der sollte regelmäßig an einer Supervision teilnehmen.

Nach unserer ersten Nacht in Windhoek hatten Ankunft in Windhoek wir den ganzen Tag über frei. Erst am Abend gab es eine Info-Veranstaltung über Reiki für diejenigen Leute, die sich noch spontan zum Seminar anmelden wollten. Die Nacht hatte es in sich. Zu jedem Haus gehörte ein Hund, und um Punkt 22 Uhr fing einer der Hunde an zu bellen. Hieraus entwickelte sich dann eine Gebell-Lawine, die erst gegen Mitternacht endete.

Ende Teil 1 - Fortsetzung folgt.